Als Arbeits- und Organisationspsychologin begleite ich Menschen in beruflichen Veränderungsprozessen genau an diesem Punkt: dem Moment, in dem sie ihre eigene Kompetenz in Worte fassen sollen und plötzlich nicht mehr wissen, was sie eigentlich sagen sollen. In diesem Artikel zeige ich, woher dieser blinde Fleck kommt, und was sich daraus für deine Bewerbung ableiten lässt.
Was unbewusste Kompetenz mit dem eigenen blinden Fleck zu tun hat
Das Modell der vier Kompetenzstufen wurde ursprünglich vom Trainer Martin M. Broadwell 1969 beschrieben und in den 1970er Jahren von Noel Burch bei Gordon Training International weiterentwickelt. Es unterscheidet vier Stufen, die jeder beim Lernen einer neuen Fähigkeit durchläuft: unbewusste Inkompetenz, bewusste Inkompetenz, bewusste Kompetenz und schließlich unbewusste Kompetenz. Auf dieser letzten Stufe wird eine Fähigkeit so selbstverständlich, dass sie kaum noch bewusst wahrgenommen wird, sie läuft einfach mit. Genau das ist der Punkt: Was für dich zur zweiten Natur geworden ist, verschwindet dadurch auch aus deinem eigenen Blickfeld.
Warum das gerade in Bewerbungssituationen zum Problem wird
In einem Gespräch oder einem Lebenslauf zählt vor allem, was aktiv benannt wird. Fähigkeiten, die sich für dich selbstverständlich anfühlen, kommen dir dabei oft gar nicht erst in den Sinn, weil sie sich nicht wie eine besondere Leistung anfühlen, sondern wie ganz normaler Alltag. Wer eine Fähigkeit dagegen erst kürzlich mühsam erlernt hat, ist sich ihrer viel bewusster und erwähnt sie entsprechend eher, unabhängig davon, wie stark die Fähigkeit tatsächlich ausgeprägt ist.
Vom Denkmodell zum eigenen Werkzeug
Da die eigene, unbewusste Kompetenz naturgemäß schwer selbst zu erkennen ist, hilft am ehesten eine Perspektive von außen. Eine bewährte, einfache Methode ist, gezielt zwei oder drei Menschen aus dem eigenen Umfeld zu fragen, was sie an der eigenen Arbeitsweise besonders schätzen. Anders als das wissenschaftliche Kompetenzmodell selbst ist das keine validierte Diagnostik, sondern lediglich eine praktische Methode, um den eigenen blinden Fleck ein Stück weit sichtbar zu machen.
Was das für deine berufliche Neuorientierung bedeutet
Wenn du merkst, dass dir im Gespräch die Worte für deine eigenen Stärken fehlen, liegt das selten daran, dass du wenig zu bieten hast. Es liegt eher daran, dass genau die Fähigkeiten, die dich am meisten auszeichnen, für dich längst unsichtbar geworden sind. Genau diesen blinden Fleck sichtbar zu machen, ist ein fester Bestandteil meiner Arbeit mit Klientinnen und Klienten in der individuellen Begleitung.
- Frag zwei oder drei Menschen aus deinem Umfeld, was sie an deiner Arbeitsweise besonders schätzen.
- Achte auf Momente, in denen dir etwas leichtgefallen ist, während andere sichtlich länger daran gearbeitet haben.
- Notiere dir Rückmeldungen aus früheren Jobs oder Projekten, auch beiläufige Komplimente zählen dazu.
- Vergleiche, was in deinem Lebenslauf steht, mit dem, was du im Gespräch tatsächlich von dir aus erwähnst.
Die eigenen Stärken zu erkennen, ist selten eine Frage von mehr Selbstbewusstsein. Es ist eher eine Frage der richtigen Perspektive, oft von außen, auf das, was einem selbst längst zur Gewohnheit geworden ist.


















