Als Wirtschaftspsychologin bereite ich Menschen in der individuellen Bewerbungsbegleitung auf Vorstellungsgespräche vor. Dabei zeigt sich immer wieder: Nicht die klassische Schwächenfrage bringt Bewerbende ins Straucheln, sondern eine ganz andere. In diesem Artikel erkläre ich, warum das so ist.




Was die Forschung zu vorbereiteten Antworten zeigt
In der Personalpsychologie wird seit den 2000er Jahren untersucht, wie Bewerbende ihr Antwortverhalten in Interviews steuern, ein Forschungsfeld, das unter dem Begriff Impression Management bzw. Interview Faking bekannt ist. Julia Levashina und Michael Campion legten mit ihrer 2007 im Journal of Applied Psychology veröffentlichten Studie ein Instrument zur Messung solchen Antwortverhaltens vor und zeigten, dass ein Großteil der Bewerbenden ihre Antworten in Interviews strategisch anpasst. Eine neuere Studie von Schudlik und Kolleginnen aus dem Jahr 2021 fand zudem: Je vorhersehbarer eine Frage ist, desto eher bereiten sich Bewerbende gezielt darauf vor, mit dem Effekt, dass die Antwort weniger über die tatsächliche Eignung aussagt.
Warum die Schwächenfrage besonders anfällig dafür ist
Kaum eine Frage ist so vorhersehbar wie die nach der eigenen Schwäche. Fast jeder hat inzwischen eine einstudierte Antwort parat, eine Schwäche, die bei genauerem Hinsehen fast wie eine Stärke klingt. Genau das macht die Frage aus Sicht der Forschung wenig diagnostisch: Sie misst weniger die tatsächliche Selbstreflexion einer Person als deren Fähigkeit, sich auf eine bekannte Frage vorzubereiten.
Die Frage, die tatsächlich ins Straucheln bringt
In der eigenen Beratungspraxis zeigt sich eine andere Frage als deutlich schwieriger zu beantworten: Warum genau diese Stelle, warum jetzt? Anders als die Schwächenfrage lässt sich diese Frage kaum mit einer auswendig gelernten Formel beantworten, sie verlangt echte Klarheit über die eigene berufliche Richtung. Das ist kein standardisiertes Testverfahren wie die Faking-Forschung selbst, sondern eine praktische Beobachtung aus zahlreichen Vorbereitungsgesprächen.
Was das für deine Vorbereitung bedeutet
Wer sich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereitet, sollte weniger Zeit auf die Schwächenfrage verwenden und mehr auf die eigene Richtung. Genau an dieser Klarheit setze ich in der individuellen Vorbereitung mit meinen Klientinnen und Klienten an.
- Bereite dich weniger auf die Schwächenfrage vor und mehr darauf, warum genau diese Stelle für dich jetzt Sinn ergibt.
- Formuliere deine Antwort auf die Richtungsfrage so konkret wie möglich, allgemeine Antworten fallen sofort auf.
- Übe nicht nur, was du sagst, sondern reflektiere vorher wirklich, warum du dich für diese Stelle interessierst.
- Sei misstrauisch gegenüber deinen eigenen, allzu glatten Antworten, sie sind oft ein Zeichen von Vorbereitung statt echter Klarheit.
Die schwierigste Frage im Vorstellungsgespräch ist selten die, auf die man sich am besten vorbereiten kann. Es ist die, die echte Klarheit verlangt, und genau das lässt sich nicht auswendig lernen.














