




Als Arbeits- und Organisationspsychologin erlebe ich in der Beratungspraxis immer wieder, dass Führungskräfte das Gefühl haben, ständig Feuer zu löschen, ohne genau benennen zu können, wo die Zeit eigentlich bleibt. In diesem Artikel zeige ich, was die Forschung zu den Kosten ungeklärter Rollen sagt, und was sich daraus für den Führungsalltag ableiten lässt.
Was Konflikte und Reibungsverluste tatsächlich kosten
Die bislang umfassendste deutsche Untersuchung zu diesem Thema stammt von KPMG aus dem Jahr 2009. Für die Konfliktkostenstudie wurden mehr als hundert Industrieunternehmen unterschiedlicher Größe befragt, wie viel Arbeitszeit und Geld durch ungelöste Konflikte und ungeklärte Zuständigkeiten tatsächlich verloren geht. Das Ergebnis: In einem durchschnittlichen Unternehmen gehen 10 bis 15 Prozent der gesamten Arbeitszeit für Konfliktbewältigung drauf. Noch deutlicher wird es bei Führungskräften, bei ihnen sind es 30 bis 50 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit, die direkt oder indirekt mit Reibungsverlusten und deren Folgen verbracht werden. Besonders teuer wird es bei Projekten, die durch Konflikte ins Stocken geraten. Jeder zweite Befragte gab an, dafür ungeplant mindestens 50.000 Euro pro Jahr auszugeben, jeder zehnte sogar mehr als 500.000 Euro.
Warum gerade Führungskräfte den größten Teil davon tragen
Dieser Unterschied zwischen der allgemeinen und der führungskräftespezifischen Zahl ist kein Zufall. Wenn Rollen und Zuständigkeiten im Team nicht wirklich geklärt sind, wandern strittige Entscheidungen fast automatisch nach oben. Die Führungskraft wird dann zur Anlaufstelle für Fragen, die eigentlich im Team selbst hätten geklärt werden können, genau das erklärt, warum sich Reibungsverluste bei ihr so viel stärker bündeln als im Rest des Teams.
Die eigene Größenordnung sichtbar machen
Um ein Gefühl für die eigene Situation zu bekommen, hilft ein einfaches Rechenbeispiel mehr als jede allgemeine Zahl. Verdient eine Führungskraft beispielsweise 80.000 Euro brutto im Jahr, entsprechen 30 bis 50 Prozent ihrer Arbeitszeit rechnerisch 24.000 bis 40.000 Euro, die jährlich in Rückfragen, Klärungsgespräche und das Auffangen unklarer Zuständigkeiten fließen, statt in eigentliche Führungsarbeit. Werkzeuge wie ein Konfliktkostenrechner können eine erste, grobe Einschätzung für das eigene Unternehmen liefern. Anders als die KPMG-Studie selbst sind solche Rechner kein wissenschaftlich validiertes Messinstrument, sondern ein praktisches Hilfsmittel für eine erste Orientierung.
Was das für Ihren Führungsalltag bedeutet
Die entscheidende Frage ist selten, ob es in einem Unternehmen Reibungsverluste gibt, sondern wo genau sie entstehen und wie viel sie tatsächlich kosten. Genau diese Fragen mache ich mit Unternehmen in meinem Analyse-Workshop „Ursachen erkennen, Handlungsfelder ableiten“ sichtbar, bevor überhaupt über Maßnahmen gesprochen wird.
- Schätzen Sie für Ihre eigene Position grob, wie viele Wochenstunden in Rückfragen, Klärungsgespräche und das Auffangen unklarer Zuständigkeiten fließen.
- Prüfen Sie, ob es in den letzten zwölf Monaten Projekte gab, die sich wegen ungeklärter Zuständigkeiten verzögert oder verteuert haben.
- Beobachten Sie, welche Entscheidungen regelmäßig bei Ihnen landen, obwohl sie eigentlich im Team getroffen werden könnten.
- Fragen Sie sich, ob diese Muster eher Einzelfälle sind oder sich in ähnlicher Form wiederholen.
Reibungsverluste bleiben so lange unsichtbar, wie sie nicht beziffert werden. Sobald sie in Arbeitsstunden und Euro ausgedrückt werden, wird aus einem diffusen Gefühl von Überlastung eine konkrete, bearbeitbare Grundlage für Veränderung.














